10 Oktober, 2025 Keine Kommentare

Die kalligrafische Niederschrift des Korans

Die kalligrafische Niederschrift des Korans

 

Das Wort „Kunst“ beinhaltet sprachlich und sprachgeschichtlich gesehen viele Dinge, von der Technik und dem Handwerk bis zur Wissenschaft, der Begabung, Geschicktheit und Klugheit, Kompetenz und Vollkommenheit. Dieses breite Bedeutungsspektrum ist ein Zeichen dafür, dass Kunst nicht nur eine ästhetische Tätigkeit darstellt, sondern von einem vorhandenen Können und Wissen zeugt, die verbunden mit Verstand, Erfahrung und menschlicher Kreativität einen Sinn ergeben. 

 

Wie auch immer: Wenn wir das Wort „Kunst“ als speziellen Begriff im Bereich der Philosophie, Ästhetik und Erkenntnistheorie behandeln, haben wir es mit einem Phänomen zu tun, bei dessen Definition – obwohl es allgemein bekannt ist –  spezifische Schwierigkeiten bei der Aufstellung einer Theorie und Beschreibung, was Kunst im Kern bedeutet, auftreten. Genauso wie der Begriff „Wissen“ auf den ersten Blick selbstverständlich anmutet,  jedoch bei der philosophischen Analyse einer genauen Differenzierung nach  Erkenntnis, Wahrheit und Methodik bedarf, ist auch der Begriff „Kunst“ nicht von dieser Regel ausgeschlossen.

 

In Wahrheit kann unter Kunst philosophisch gesehen eine Art „Beschreibung des Seins“ verstanden werden, bei welcher der Mensch in wahrnehmbarer und sinnbildlicher Gestalt eine Bedeutung wiederspiegelt oder kreiert. Diese Bedeutung kann im Rahmen von Schönheit und Realität, oder auch mit einer Kritik  oder Krise im Hintergrund zum Ausdruck kommen.  Deshalb ist die Bestimmung des Begriffes „Kunst“ laufend mit dem angespannten Verhältnis  zwischen Wesen und Manifestierung, zwischen dem Individualismus des Künstlers und den gesellschaftlichen Strukturen sowie zwischen ästhetischen Erfahrungen und den Resultaten der Erkenntnis  konfrontiert.

 

Aus philosophischer Sicht zusammengefasst, ist Kunst nicht nur eine ästhetisch orientierte Tätigkeit, sondern auch eine Art „Sein“ und „Verstehen“, wobei der Mensch mit der Welt, sich selber und anderen  symbolisch und vielschichtig ins Gespräch kommt; ein Gespräch, welches – da es sich nicht definieren lässt – in sich ein Zeichen für die Tiefe und den Reichtum seines Seins ist.  

 

Angesichts des bisher Gesagten besteht die beste Definition, die sich für den Begriff „Kunst“ vorlegen lässt, darin, sie als  die ansprechende und sichtbare Manifestation von Gefühlen und Gedanken im Inneren des Menschen,  welche durch geeignete Methoden und Mittel zustande kommt, zu umschreiben.  

 

Zusammenhang der Kunst mit der Religion

 

In vielen Erkenntnismodellen, insbesondere in den religiösen Traditionen, wird die Kunst als ein höheres und heiliges Phänomen gesehen, welches auf der Grundlage von Wahrheit, Schönheit und dem Guten aufbaut. Der Begriff Dunya – das Weltliche – gilt aus religiöser Sicht vor allem für die rein materiellen, unbeständigen Bereiche, die leer von spirituellem Wachstum sind, während der Begriff Uchra  – das Andere, Jenseitige –  das Reich der Ewigkeit und hohen Inhalte und Werte – darstellt. Durch Infusion des Elementes Heiligkeit in die stoffliche Welt, ist die religiöse Kunst darum bemüht, auf das Jenseitige aufmerksam zu machen. Dies ist im Wesen der Religion und in dem Begriff Heiligkeit verankert; einem Begriff, den es seit Existenz der Menschen in ihrem gemeinsamen Unterbewusstsein und ihrer Seelenstruktur  gibt.

 

Geschichtlich und erkenntnistheoretisch gesehen hat die Kunst immer im Austausch mit der Religion Gestalt angenommen und ist in ihrem Schoß aufgewachsen. Diese wechselseitige Beziehung hat dazu geführt, dass die Kunst nicht nur als ein Ausdrucksmittel für Gefühle und Gedanken sondern auch als ein Weg  betrachtet wird, der dem Menschen hilft,  sich seinem Ursprung wieder zuzuwenden und zu spüren, dass er in dieser Welt von Ihm getrennt ist.

 

Im Rahmen einer phänomenologischen Betrachtung lässt sich sagen, dass die Kunst genauso viele verschiedene Grade und Ausdrucksweisen aufweist, wie Menschen in der Distanz zwischen Erde und Gott leben. Die Meinungsunterschiede in der Kunsttheorie drehen sich vor allem um Exempel der Kunst und nicht um ihre grundlegenden Inhalte. Es kommt beispielweise vor,  dass zwei Künstler mit ihren Werken Schönheit darstellen wollen, jedoch einer von ihnen hierbei erfolgreicher als der andere ist. Das schadet aber nicht dem Wesen der Kunst, sondern hat mit den Fertigkeiten des Künstlers und seinem Gespür zu tun.

 

Die religiöse Kunst fasst  Schönheit nicht als das einzige Ziel ins Auge, sondern sieht darin den Weg des Menschen zur Weiterentwicklung  und Vervollkommnung.  Im Kern besteht diese Kunst  darin, dass der Mensch das Fernbleiben von seinem Ursprung und das Verlangen nach Rückkehr zu ihm verspürt. Dies ist in den Mythen und Märchen und in verschiedenen Kunstwerken deutlich zu beobachten; immer dann nämlich, wenn im Rahmen von  Sinnbildern für Schönheit und Reinheit und Bildern vom Hässlichen und Bösen der Kummer über die Trennung von dem Ursprung des Daseins und der Wunsch nach Begegnung mit dem Schöpfer zum Ausdruck kommen.  Die Schaffung dieser Sinnbilder spiegelt den seelischen und  existentiellen Zustand des Menschen gegenüber der Welt und sich selber wieder.

 

Kunst aus islamischer Sicht

 

 Da die Kunst ein weites Spektrum umfasst , lässt sich jede Person, welche mehr als andere Wissen und Begabung und Können für eine Tätigkeit besitzt, als Künstler bezeichnen, unabhängig davon, ob diese Talente und Fähigkeiten für einen positiven, negativen oder gar keinen Zweck eingesetzt werden.

 

Aus islamischer Sicht ist Kunst erst dann edle und wahre Kunst, wenn der Künstler eine Stufe der Vervollkommnung und inneren Anschauung (schuhud) erreicht hat, und aufgrund der empfangenen Intuition diese Erfahrung mittels einer Methode, die er dank  Übung und Anwendung beherrscht,  in einer bestimmten Form zum Ausdruck bringt. Dann kann die Kunst als eine Art höherer Enthüllung von Verborgenem im Rahmen einer Schöpfung verstanden werden.  

 

Der Künstler vermag, wenn er innerlich wächst und spirituell weiterkommt, sich der Schöpfung, die in den großen menschlichen Potentialen liegt, zuzuwenden und Stufen der Statthalterschaft (Gottes) zu erreichen.  In Wahrheit beginnt der eigentliche Weg zur Vervollkommnung der Kunst im Künstler selber; dort, wo er durch das vertrauliche Gespräch zu Gott, innere Anschauung und Erkennen einsichtig wird und aufgrund dieser Einsicht etwas mit seiner künstlerischen Gestaltung verbildlicht.  Er führt dann auch diejenigen, die er mit seiner Kunst anspricht, in das Reich der Metaphysik.

 

Die Glaubensbewegung in der Kunst bedeutet, dass der Künstler seine Seele einem Pfad anvertraut, der von Gott  bestimmt wurde und der zum Weg der rububiyat  – der Veredlung durch Gott – gehört. Diese Kunst ist ein Fenster, durch das jemand, der mit ihr angesprochen wird und ratlos nach der Wahrheit sucht,  in das überirdische Reich blicken kann. Ein Künstler ist jemand, der durch Schöpfung eines faszinierenden Werkes,  das Herz dessen, den er anspricht, in Staunen versetzt und es zum Nachdenken anregt.

 

Die Liebe  der Muslime zur Kunst Die Muslime haben sich bereits mit Beginn  der Offenbarung des Korans, relevanten Künsten gewidmet.  Seit dem 7. Jahrhundert nach Christus hat das Erscheinen und die Verbreitung der islamischen Kunst in den verschiedenen zivilisierten geografischen Gegenden nicht nur als ein ästhetisches Phänomen sondern auch als eine Kraft, die Veränderungen in den politischen und kulturellen Strukturen der Gesellschaften bewirkte, eine Rolle gespielt. Diese Kunst geht aus dem Schatz islamischer Erkenntnis hervor, welcher Begriffe wie Tauhid (die Einheit Gottes), die Einheit des Menschengeschlechtes, die Gerechtigkeit auf der Welt und Heiligkeit und Gottwissen beinhaltet, wobei die Mittel zur Wiedergabe dieser Inhalte, wie der Qalam (Stift, Schreibrohr ), eine besondere existenzialistische Bedeutung besitzen und alles in der Gestalt, dem Inhalt und dem Ergebnis des künstlerischen Schaffens zum Ausdruck kommt.[1]

 

Religion und Kunst werden in diesem Rahmen nicht als Gebiete betrachtet, die separat voneinander sind, sondern als zwei Manifestationen der höheren Bedürfnisse des Menschen nach Sinn, Regelmäßigkeit und  Emporsteigen, die aus ein- und derselben Quelle  speisen. Im Gegensatz zu den rein dekorativen und unterhaltsamen Künsten überbringt die Islamische Kunst Wissen und moralische Inhalte und in ihrer natürlichen Verknüpfung mit  den religiösen Lehren  widmet sie sich der Darstellung der metaphysischen Ordnung und der Werte des Seins. Daher kann die Kunst der Muslime als eine Art optisch wahrnehmbares religiöses Wissen verstanden werden, bei dem Schönheit nicht nur etwas Spürbares, sondern die Manifestation einer höheren Wahrheit ist.

 

Die Vorgeschichte der Schrift und des Schreibens in der Islamischen Frühzeit    

 

Die Stadt Mekka  galt vor Beginn des Islams als Handelszentrum und manchmal auch als literarischer Mittelpunkt. Nur eine sehr kleine Gruppe ihrer Einwohner konnte lesen und schreiben. Nach Berufung des Großen Propheten (sas) stieg die Zahl der Lese- und Schreibkundigen in Mekka und die Schrift und das Schreiben fanden insbesondere für religiöse und für regierungsähnliche Angelegenheiten Anwendung und Verbreitung. Als die Muslime in dem vom Propheten angeführten Gefecht von Badr siegten und 70 Götzendiener gefangen worden waren, schlug der Prophet Gottes den Gefangenen, die sich mit der Schrift auskannten, vor, dass ein jeder von ihnen, der 10 muslimischen Kindern Lesen und Schreiben beibringt, freigelassen wird. Diese Maßnahme wird als das erste offizielle Bildungsprogramm in der Geschichte des Islams betrachtet.  

 

Nachdem der Erhabene Prophet (sas) nach Medina ausgewandert war, betrug die Zahl der Schreib- und Lesekundigen mehr als 10 Personen. Die meisten von ihnen schrieben in der Alten Nas`ch Schrift- die sich Hidschazi nannte. Zugleich wurde Zaid ibn Thabit[2] damit beauftragt, die Schrift der Juden zu erlernen, damit er dem Propheten die Briefe vorliest, die sie an ihn geschrieben hatten. Zaid ibn Thabit erlernte diese Schrift,  nämlich Satra indschila  [3] (Estrangela) –  in  15 Tagen – und beherrschte sie bald sehr gut. [4] 

 

Insgesamt lässt sich sagen, dass Mekka gemäß den historischen Belegen im Vergleich zu Medina auf eine ältere Geschichte des Schreibens zurückblickt, doch nahm Medina aufgrund der neuen Welle der Alphabetisierung und der Gründung von Schreibzentren bald ebenso einen wichtigen Platz für die Förderung des islamischen Schreibwesens ein.[5]

 

Die Schönschreibkunst der Muslime

 

Die Erfindung der Schrift gilt als Wendepunkt für die menschliche Kultur und Wissenschaft. Vorher waren Erfahrungen und Wissen des Menschen nur mündlich weitergegeben worden, und der Zeitraum vor der Einführung der Verschriftlichung wird prähistorische Zeit genannt.  Mit Entdeckung der ersten Mittel zum Schreiben, ergab sich die Möglichkeit, Informationen genau festzuhalten und Wissen einheitlich von Generation zu Generation weiterzuleiten.

 

Das Interesse der Muslime an der  Schreibkunst und  Kalligrafie ist tief in ihren religiösen und kulturellen Überzeugungen und  ihrer Geschichte verwurzelt.  Die Kalligrafie war nicht nur zu einem Mittel zur Verschönerung von Texten geworden, sondern wurde auch als Mittel zur Verbildlichung des Gotteswortes und als eine Manifestation der Vergeistigung und der Spiritualität betrachtet.  In der Kalligrafie sahen die Muslime die Kunst der Verbildlichung des Korans. Da der Koran das Heilige Buch des Islams ist, galt es als eine Art Gott-Dienen, ihn in der schönsten Schrift zu schreiben. Dies rührt besonders von daher, dass es im Koran eine Sure namens Qalam (das Schreibrohr) gibt, und Gott in dieser Sure bei dem Qalam schwört: Nun. Bei dem Schreibrohr und (bei) dem, was sie zeilenweise niederschreiben.[6] Im Koran steht ein Schwur auf den Qalam und auf das, was er schreibt, weil das Schreibrohr, Geschriebenes und Bücher und die Entwicklung der Schrift der Geschichte der Menschheit Gestalt verliehen haben, ein neues Kapitel im Leben des Menschen eröffneten und zur Entstehung der Zivilisationen und des wissenschaftlichen Fortschrittes, zum geistigen Erwachen und zur Rechtleitung und Erkenntnis und Bewusstwerdung des Menschen führten. Dieser Schwur zeigt, welche hohe Bedeutung der Qalam und das Geschriebene bei Gott dem Höchsterhabenen innehaben und außerdem macht es in gewisser Weise den Menschen auf die Rolle von Qalam und Kitab (Schreibrohr und Buch) für das Geschick der Menschen aufmerksam. 

 

Zudem wird der Qalam als Mittel der göttlichen Lehre vorgestellt : (Gott), Der durch das Schreibrohr gelehrt hat.[7] Gott hat dem Menschen durch den Qalam Wissenschaften gelehrt bzw. hat Er den Menschen das Schreiben mit dem Schreibrohr gelehrt, und dank des  Schreibens mit Hilfe des Schreibrohres begannen die Zivilisationen, Wissenschaften und Fertigkeiten.

 

Der Hinweis auf das Schreibrohr und das Schreiben  zeigt den hohen Rang, welches Geschriebenes in der koranischen Kultur und aus islamischer Sicht besitzen.

 

Die Wirkung der Kalligrafie

 

Auch wenn das Offenbarungswort von selbst  eine Wirkung auf den hat, der es liest oder verliest, so ist die Tatsache nicht von der Hand zu weisen, dass auch seine kalligrafische Niederschrift eine Wirkung hinterlässt.  Der Erhabene Prophet Gottes (sas) hat gesagt: „Eine schöne Schrift  steigert die Klarheit der Wahrheit.[8]  Gemäß der Informationstheorie, der Kognitiven Psychologie, Neurologie und den Grundlagen der Ästhetik bewirkt eine ebenmäßige und leicht lesbare Schreibweise, dass die Bedeutung der sprachlichen Zeichen  ihren Empfänger klarer und genauer erreicht, da sie einerseits die Fehlerrate bei der Übermittlung einer Botschaft und die kognitive Belastung des Hirns senkt, und andererseits die geistige Verarbeitung von Texten steigert; zugleich verbessert der festgelegte Abstand zwischen Buchstaben und Wörtern und der geeignete Kontrast der Linien das neuronale Signal-Rausch-Verhältnis und beschleunigt auf diese Weise den Leseprozess. Außerdem wird durch den optischen Reiz eines ästhetisch optimierten Werkes  das Vertrauen der angesprochenen Person in die Wahrhaftigkeit des Werkes und seines Inhaltes gestärkt. Somit spielt die Güte einer Schönschreibschrift  eine entscheidende Rolle für die Verdeutlichung von Wahrheiten und ihre Anerkennung. Die Zierde der Kalligrafie und des Schönschreibens waren sicherlich von großer Bedeutung, dass der Letzte Propeht (sas) und nach ihm die Imame ihre Anhänger zu einer schönen Schrift anspornten. Vom Propheten wird folgender Ausspruch überliefert: „Jedem wird vergeben, der den Vers Bismillah ir rahman ir rahim (Im Namen Allahs, des Allbarmherzigen, des Gnädigen) zur Ehrung Gottes in Schönschrift schreibt.“[9]

 

Die wichtigste in dieser Überlieferung enthaltenen Botschaft lautet, dass die Ehrung des Heiligen Namens Gottes durch eine schöne Niederschrift von  Bismillah ir rahman ir rahim  eine Hochachtung gegenüber dem Wesen Gottes in künstlerischer Form bedeutet, die gleichgerichtet ist mit dem  koranischen Geist und der Tradition des Propheten. Diese Huldigung vertieft die innere Teilnahme des Herzens und verstärkt die Konzentration, Geduld und Genauigkeit des Menschen und schafft eine spirituelle und Ruhe spendende Atmosphäre im Umfeld geistiger Arbeit und des Gott-Dienens. Zugleich sind wir Zeuge, dass die ästhetische Gestaltung dieses heiligen Satzes in den klassischen Stilen der Islamischen Kalligrafie (Thuluth, Nas`ch, Nasta`liq)  seit jeher der Verzierung von Büchern, Schriften und Bauwerken diente. Außerdem zeigen  Forschungen auf dem Gebiet der Kunstpsychologie, dass die Beteiligung  an spirituellen Kunstaktivitäten zur Reduzierung von Stress und Zunahme der Lebenszufriedenheit führt.  Daher hat es praktisch und immateriell gesehen einen großen Wert, die obige Empfehlung zu befolgen. 

 

Es wird berichtet, dass Imam Ali über die Art und Weise des Schönschreibens, das Zurechtschneiden der Spitze des Schreibrohrs und die Verwendung eines Liqeh im Tintenfass zu seinem Schreiber Ubaidullah ibn Abi Rafi`gesagt hat: Leg ein Liqeh (Baumwollfäden) in das Tintenfass,  halte  die Spitze des  Schreibrohrs  ein gutes Stück  schräg zugeschnitten, lass zwischen den Zeilen Abstand  und schreibe die Buchstaben eng aneinander,. Dies trägt zu einer schönen Schrift bei.“[10]

 

Bei der traditionellen Herstellung von Tinte wurde ein kleiner Behälter für ihre Aufbewahrung vorgesehen. Damit die Spitze der Schreibrohrs beim Eintauchen nicht zu viel Tinte aufnimmt, legte man einen Bausch aus Baumwollfäden  als Saugeinlage in das Tintenglas. Diese Einlage saugte die überflüssige Tinte  auf und verhinderte, dass ein Zuviel davon an der Spitze des Schreibrohrs bleibt. Sie sorgte für eine gleichmäßige Verteilung der Tinte. Die traditionellen Schreibrohre wurden aus Schilfrohr angefertigt und die Spitze wurde zur Steuerung des Tintenflusses gespaltet. Diese Spalte nimmt eine bestimmte Menge der Tinte auf und ermöglicht einen aufeinanderfolgenden Tintenfluss auf der Papieroberfläche.  Je länger der Spalt im Schreibrohr ist, desto mehr kann er Tinte behalten und der Schreiber kann nach jedem Eintauchen des Schreibrohrs in die Tinte mehr Wörter  hintereinander in gleichmäßiger Form zu Papier bringen.  Zur Wahrung der Klarheit eines Textes und für das ästhetische Aussehen einer Seite müssen zwei Arten von Abstand beachtet werden: zum einen ein geeigneter Abstand zwischen den Zeilen, um zu verhindern, dass Buchstaben der einen Zeile sich mit Buchstaben der anderen kreuzen und deshalb, weil bei zu geringem Zeilenabstand das Auge des Lesers am Ende einer Zeile womöglich irrtümlicherweise auf die Zeile darunter oder darüber fällt.  Zum zweiten sind die Wörter eng zusammen zu schreiben unter Beachtung des genormten Abstandes zwischen den Buchstaben eines Wortes. Werden die Wörter sehr eng oder sehr weit auseinander geschrieben, schadet es nicht nur der Schönheit des Textes, sondern beeinträchtiget auch seine Lesbarkeit.

 

Die Mittel zum Schreiben und die dazugehörigen Techniken schaffen die Voraussetzung für ein geordnetes Erfassen von Erfahrungen und Wissen. Dies gilt auch für die Niederschrift des Korans. Ein guter Text muss zusätzlich zu einem wertvollen Inhalt auch schön aussehen.  Deshalb werden Schreiben mit einer unleserlichen Schrift oder Bücher mit ungeeignetem Druckbild, auch wenn sie nützliche und interessante Themen behandeln, weniger geschätzt und haben weniger Wirkung.

 

In unserem Zeitalter wird mehr denn je auf eine schöne äußerliche Form geachtet und ist man darum bemüht, materielle und immaterielle Dinge in einer würdigen und ansprechenden Gestalt darzubieten. Aus den selben Gründen weist bereits Imam Ali (a)  in seiner Empfehlung genau auf diesen Punkt hin. 

 

Im Laufe der Geschichte, ob in der Vergangenheit oder Gegenwart,  wählten bzw. wählen Persönlichkeiten für ihre Schreiben oder ihre Abhandlungen eine Schönschreibschrift, um ihren Texten eine größere Wirkung zu verleihen und auf bessere Weise anzusprechen.

 

Diese Überzeugung und Ermutigungen haben einhergehend mit immateriellen und  materiellen Anreizen wiederum einige andere veranlasst,  die Kalligrafie von Koranversen beruflich auszuüben. Eine Gruppe von ihnen weihte ihr ganzes Leben und ihre Kunst der Anfertigung von Koranexemplaren, und das Schreiben und die handgeschriebene Vervielfältigung des Korans wurde zu ihrem festen Beruf und ihre wichtigste Einkommensquelle. Diese Künstler erhielten, entsprechend der Zeit, die sie dafür aufgewendet hatten, der Güte des Papiers und der Tinte und der weiteren Faktoren, die für die Schaffung eines Manuskriptes nötig waren, ein bestimmtes Honorar von ihrem Auftraggeber. Natürlich war das Honorar, welches ein Kalligraf für die Anfertigung einer Abschrift des Korans  verlangte, umso höher, desto berühmter und versierter er war und je mehr sich sein Werk durch Schönheit auszeichnete.  Zu Beginn der Schreibbewegung wurde für die Anfertigung von Koranexemplaren nur die Kufi-Schrift verwendet.[11]  

 

Nach und nach und mit dem Anschluss von verschiedenen Völkern, die eine andere Kultur und Schrift besaßen, entstand eine gebührende Vielfalt im Schriftbild des Korans. Heute wird der Heilige Koran mit den Schriften Nas`ch[12], Nast`aliq[13], Thul(u)th[14],Muhaqiq[15], Reyhan[16], Mu`alla[17] oder  weiteren geschrieben.  Koranverse gelten heute als der thematische Schwerpunkt der Kalligrafie, und unter den Kalligrafen lässt sich selten jemand finden, der nicht einen Teil des Heiligen Korans oder den ganzen Koran auf verschiedene Weise niedergeschrieben hätte. Neben der üblichen Niederschrift des Korans auf Papier, welche in Form eines Buches oder Heftes vorgelegt wird, ist es auch in unserer Künstlergesellschaft üblich geworden, die Verse des Korans auf Stein, Holz, Glas und  auf anderen Flächen und auf Gegenständen,  Gemälden und Bildern zu verewigen,  wobei die Verschriftlichung mit weiteren Künsten  wie Mua`rraq-[18] und Munabat-Kunst[19] kombiniert wird.

 

Einige Schreibkünstler haben das kalligrafisches Exemplar, das sie vom gesamten Korans angefertigt haben, in Druck gegeben und der Allgemeinheit zugänglich gemacht.

 

Die religiösen Regeln für die Aufzeichnung des Korans

 

Parallel zu der Niederschrift des Heiligen Korans standen in der Islamischen Geschichte unter den Muslimen viele Fragen hinsichtlich der Gebote, guten Sitten und Regeln für das Schreiben der Verse Gottes zur Debatte. Diese Fragen wurden zu Beginn von den höchsten Anführern der Religion und danach seitens der Rechtsgelehrten  behandelt und geklärt, was schließlich zu einem Regelwerk für religionsrechtliche Gebote namens „Ahkam (Regeln) für das Schreiben des Korans“ führte.

 

Diese Regeln fassen mehrere Aspekte der Aufzeichnung des Korans ins Auge. Zu den wichtigsten  Bestimmungen gehören:

 

Befugnisse für das Beschriften von verschiedenen Arten von Gegenständen und Gefäßen mit Koranversen

 

Befugnisse für die Zuhilfenahme  von Personen für die Niederschrift des Korans

 

Befugnisse für die Anwendung von verschiedenen Materialien und Farben bei der Aufzeichnung der Verse

 

Befugnisse für die Vergoldung und  die Verschriftlichung der Verse mit Gold und die Illustrationen  am Rande

 

Befugnisse für die Entgegennahme eines Honorars für die Niederschrift des Korans

 

Erfordernis der rituellen Reinheit des Schreibers während der Niederschrift

 

Keine Erlaubnis für die  Niederschrift des Korans auf rituell unreinen Flächen oder mit besudelten Arbeitsmitteln

 

Verbot des Löschens der Koranverse mit Speichel.

 

Ein solches Regelwerk zeigt nicht nur, wie hoch der Koran in der islamischen Jurisprudenz zu stehen kommt, sondern zeugt auch davon, dass im Laufe der Geschichte besonders auf die Wahrung der Heiligkeit und der Unantastbarkeit der Niederschrift der Heiligen Verse geachtet worden ist.  

 

[1] Zu diesem Thema siehe: Islamic Art and Spirituality, Seyed Hossein Nasr; Art of Islam, Titus Burckhardt;  Islamische Kunst, Anja-Maria Helga Hagdorn, 2009.

 

[2] er gehörte zu den Prophetengefährten und war einer der offiziellen Schreiber des Korans und der Briefe des Propheten.

 

[3] eine der Schriften des syrischen Alphabetes , welche auch Klassisches Syrisch genannt wird. Estrangela (auch Estrangelo)  gilt als eine der ältesten, schönsten und hervorragendsten Schriftstile dieser Sprache. Die Bezeichnung satra indschila  wurde aus den beiden Wörtern satra und  iundschiliun (die Niederschrift der Evangelien) abgeleitet. Die ersten Evangelien auf Syrisch wurden in dieser Schrift festgehalten. Es ist zu erwähnen, dass vor der Verbreitung der Kufi- und der Nas´ch –Schrift auch die ersten Koranexemplare in Estrangela geschrieben worden sind.

 

[4]  Carl Brockelmann, Geschichte der syrischen Literatur, Band 1, Leiden: Brill, 1898.

 

[5] Für weitere Studien siehe „Tarich-e chat wa choschnewisi (Geschichte der Schrift und der Kalligrafie), Ali Muqtadai,  Arad Kitab Verlag;  „Chat wa nizamhay-e neweschtari dar dschehan-e islami“ (Schrift und Schreibregelsysteme in der Islamischen Welt), Hasan Rezai Baghbidi , Mohammad Saleh Scharif Askari, Ali Tamizal , Arezu Nadschafiyan,  Mardscha`- Verlag, 1391 (2012).

 

[6] Sure (68) Qalam, Vers 1.

 

[7] Sure (96) Alaq, Vers 4.

 

[8] Kanz al Ummal, Bd. 10, S. 244, Hadith 2930.

 

[9] Munyat al Murid, Bd. 1, S. 350.

 

[10] Nahdschul Balagha, Hikmat 315.

 

[11] Dies ist eine der bedeutendsten und beständigsten Arten der islamischen Kalligrafie, die in der islamischen Frühzeit aufkam. Die kufische Schrift ist für ihre deutlich geometrischen und eckigen Strukturen bekannt und gilt als eine der wichtigsten Manifestationen islamischer Kunst. Die Ursprünge dieser Schrift können der Stadt Kufa im heutigen Irak zugeschrieben werden.

 

[12] Die Nas`ch Schrift ist als eine der geläufigsten und anwendbarsten Schreibstile in den islamischen Gesellschaften bekannt und nimmt seit eh und je einen besonderer Rang bei Texten der Muslime ein. Wegen ihrer weitgehenden Anwendung und Bedeutung  wird diese Schrift wie die Thuluth-Schrift Umm al Chata (Mutter der Schriften) genannt. Nas`ch zeichnet sich durch sehr gute Lesbarkeit, Gleichmäßigkeit der Struktur der Buchstaben, optische Klarheit und leichte Lehr- und Erlernbarkeit aus, weshalb diese Schrift besonders bei der Anfertigung von Exemplaren des Heiligen Korans und der Verschriftlichung von Gebeten benutzt wird und eine wichtige Rolle bei der Vermittlung von religiösen Inhalten übernimmt.

 

[13] Nast`aliq wird als einer der schönsten Kalligrafiestile der Islamischen Kultur gerühmt. Sie wird so sehr geschätzt, dass man sie die „Braut der Schriften“ genannt hat. Nast´aliq ist eine Kombination der Nas`ch- und Ta`aliq- Schrift. Sie wird allen Maßstaben der Ästhetik gerecht, wie Ausgeglichenheit, Proportionalität, Festigkeit, Harmonie, elegante Zusammensetzung und Übereinstimmung mit dem Geschmack eines Künstlers. Sie ist nicht nur Augenweide, sondern zeichnet sich auch dadurch aus, dass sie sich leicht und schnell schreiben lässt und bezüglich Wörter und Zeilenabstand sehr gut lesbar ist . Diese Eigenschaften  werden zu den wirksamen Faktoren für die Verbreitung und Beliebtheit dieser Schrift gezählt. Nasta `liq ist eine  säuberliche Schrift,  die bestimmten Regeln gehorcht,  und man sagt, dass ihre Buchstaben in Anlehnung an die schönen Erscheinungen in der Natur  entworfen wurden. 

 

[14] Thul(u)th gehört  zu den schönsten und bekanntesten und zugleich den schwierigsten Schreibstilen in den muslimischen Ländern;  auch diese Schrift erhielt den Namen  „Umm al Chutut“ (Mutter der Schriften). Im iranischen Kulturraum wird Thul(u)th vor allen Dingen für die Namen der Koransuren, für Texte auf der Rückseite von Buchdeckeln, die Verschriftlichung kurzer Sätze und insbesondere für Inschriften und die Verzierung von Kachelwerk verwendet.

 

[15] Die Muhaqiq-Schrift ist eine der hervorragendsten und elegantesten Schriftstile, die nach der Schreibepoche des Kufi-Stils entstanden. Wegen ihrer Klarheit, exzellenten Lesbarkeit und ihrer proportionalen Schreibweise der Wörter, fand sie insbesondere bei der Niederschrift von Versen des Heiligen Korans viele Freunde und war über 4 Jahrhunderte lang unter den muslimischen Kalligrafen verbreitet. Einige Muhaqiq-Meister haben diese Schrift „Vater der arabischen Schriften“ genannt. Muhaqiq zählt zu den originalen islamischen Schriften.  Aus ihr ist die Reyhan-Schrift und danach die Thuluth-Schrift entwickelt worden. 

 

[16]Die Reyhan-Schrift ist eine der schönstens und überragenden Schriften nach der Schreibepoche in Muhaqiq. Wegen ihrer ausgezeichneten Lesbarkeit, Klarheit  und Feinheit und weil sie sich schnell zu Papier bringen und leicht schreiben lässt und ihre Buchstaben klein sind, nimmt diese Schrift in der islamischen Schönschreibkunst einen besonderen Platz ein und wurde über 5 Jahrhunderte lang für  die Niederschrift von Koranversen genutzt und begrüßt. Die Muhaqiq – Schrift, eine der wichtigsten islamischen Schriften. wird als Ursprung der Reyhan-Schrift betrachtet und ihr „Vater“ genannt.  Nach ihr wurde das Thuluth  durch Kombination des Muhaqiq und Reyhan unter Vornahme von Veränderungen entwickelt. Für diese enge Verbindung  zeugen strukturelle und optische  Ähnlichkeiten mit  der Reyhan- und der Muhaqiq-Schrift.

 

[17] Die Mua`lla-Schrift zählt zu den innovativen Schriften der iranischen Kaligrafie und hat in den letzten Jahren die Freunde der Schönschreibkunst auf sich aufmerksam gemacht.  Diese Schreibweise wurde von Meister Hamid Adschami (geboren 1962 n.Chr.) begründet und konnte mit ihren außerordentlichen Eigenheiten  eine bevorzugte Stellung  unter den Künstlern und den Liebhabern der Schönschreibkunst gewinnen.  Heute ist  die Anwendung dieser Schrift nicht nur bei der Verschriftlichung des Korans und religiöser Texte sondern auch häufig bei kulturellen und künstlerischen Werken zu beobachten.

 

[18] Mu`arraq-Kunst bedeutet, viele verschiedene Einzelteile nebeneinander platzieren, in der Absicht sie zu einem geordneten kunstvollen Ganzen zusammenzufügen.  Die Anfertigung solcher Mosaike zählt zu den wichtigen Zweigen der traditionellen iranischen Kunst. Seit eh und je dient Mu`arraq-Kari  zur Verzierung verschiedener Arten von Gegenstände, auch des täglichen Gebrauchs. Da Holz ein Rohmaterial war, das sich für jeden am billigsten und am einfachsten besorgen ließ, wurde Mu´arraq mit Holz angefertigt und diese Kunst erreichte ein hohes Niveau der Entfaltung und konnte unter den handwerklichen Künsten einen vortrefflichen Platz einnehmen.   

 

[19] Munabat-Kunst ist auch eine kostbare, edle  Art des Kunsthandwerkes.  Es handelt sich um Schnitzereien und Gravieren von Holz. Munabat-Künstler  fertigen mit Hilfe eines einfachen und preisgünstigen Rohmaterials und mit Hilfe  von  einfachen Arbeitsmitteln wunderschöne Werke an. Das Besondere und Charakteristische an dieser Kunst ist die dreidimensionale Herausarbeitung von Formen aus der Grundfläche. Jedes Munabat-Kari zeigt dieses Merkmal. Dieses Kunsthandwerk wird schon seit langer Zeit bis heute für die  Bildung von dreidimensionalen dekorativen Werken verschiedener Art angewendet. Auch Munabat-Arbeiten haben einen besonderen Rang unter dem traditionellen und dem religiösen Kunsthandwerk  erreicht.

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